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Im Zauberland –
selbstorganisatorische Hypnotherapie
von Marion
Henze
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatische
Medizin und Psychotherapie
Dem Netzwerk zur Verfügung gestellt am 02.03.2008:
Artikel als PDF-Datei
Ein Fallbeispiel zur Einführung
Eine 41jähriger Patientin kommt mit Depressionen, Ängsten und
Unsicherheiten im Leben zur Therapie. Sie verhält sich angepaßt, aber
wenig lebendig, abhängiges Verhältnis zu Beziehungspartnern, bislang war
eine eigenständige tragende berufliche Entwicklung nicht möglich wiewohl
eine künstlerische Begabung und diesbezüglich starke Interessen
offensichtlich werden- sie kann indes ihre Fähigkeiten nicht umsetzen
oder verwerten, schlägt sich mit wenig befriedigenden Aushilfsjobs durch.
In der Zauberland-Imagination bei leichter bis mittlerer hypnotischer
Trance erscheint eine Weise Frau als innere Führerin, die sie durch
dieses phantastische Reich begleitet, in der sie nun allerlei Abenteuer
während ihrer Therapiesitzungen erlebt. So erscheint ein wildes
tolpatschiges Schwein, das hemmungslos frißt, sie umrennt und sich
lustvoll die Felsen hinabstürzt - das sie zunächst ganz furchtbar findet
(die sehr schlanke Patientin hat asketische Ideale). Mit der Zeit nimmt
sie jedoch eine Beziehung dazu auf, das Schwein bekommt Flügel und
wandelt sich zu einem fliegenden Pferd mit dem sie nun hinaus aufs Meer
fliegen kann. Dort entdeckt sie auf einer Insel eine völlig
heruntergekommene Raubritterburg. Sie ist entsetzt- will gleich kehrt
machen, aber die Weise Frau besteht darauf, daß sie es sich genauer
ansieht und schließlich darauf landet. Nach einigem sich innerlich Winden
tut sie es dann auch. Finstere angsteinflößende Gestalten sind dort zu
sehen – und siehe da, sie wird als Burgherrin begrüßt! Man habe lange
auf sie gewartet und es sei ihre Aufgabe, die Burg instandsetzen. Schritt
für Schritt leitet sie die Reparaturarbeiten- im Heizungskeller ist es
sehr heiß. Dort muß Kohle herbeigeschafft und verfeuert werden, um die
Burg gemütlich warm und bewohnbar zu machen und sie berichtet wie sie
schwitzt und sich anstrengen muß. Schließlich hat sich die alte Burg in
ein prunkvolles Schloß mit in der Sonne herrlich glänzender Fassade
verwandelt- gut geschützt durch Wassergräben und Festungsmauern. Es
erscheint nun ein 12jähriger Junge, der glückselig mit den Raubrittern
auf Abenteuerreise gehen will.
Sie selbst berichtet in der nächsten Sitzung, daß sie sich wesentlich
besser habe behaupten und durchsetzen können , auch unangemessen
fordernden Kunden in ihrem Aushilfsjob gegenüber, denen sie nun die
Grenzen habe zeigen können (früher ließ sie sich ausnutzen -
Raubritter!). Hier wurde die innere bildhafte Integration der eigenen
Aggression auch im Alltagsleben in der Umsetzung nachvollziehbar.
Mittlerweile ist sie auch in der Partnerschaf tund sonst im Kontakt mit
Menschen direkter, selbstbewußter und fordernder geworden, kann sich
selbst konstruktiver einbringen und sich holen was ihr wichtig ist statt
passiv über die böse Welt zu klagen und zu leiden. Sie hat eigene
Ausstellungen durchgeführt und verkauft ihre ersten Werke.
Metaphern in der Hypnotherapie
Schon immer waren Menschen von Märchen, Mythen und Metaphern
fasziniert: letztendlich stellen sie in symbolisierter Form die
Auseinandersetzung des Menschen mit seinen großen Lebensthemen dar- der
Heldenweg, das Erwachsen-werden und Reif-werden für eine
partnerschaftliche Beziehung und die Verantwortung im Leben, Umgang mit
Konkurrenz und Rivalität, Kampf von Gut und Böse, Abschied und Tod,
moralische Werte, Nähe und Distanz, Hoffnung selbst in schwierigen
Situation, neue Lösungswege u.v.m. Diese Geschichten geben Hoffnung und
zeigen Möglichkeiten und Gefahren auf. Die herkömmliche Hypnose hat dies
in ihrer Metaphernstrategie (9,18) aufgenommen: der Therapeut findet eine
für den Patienten möglichst passende märchenhafte Geschichte in der
sich seine Problem symbolisieren und zunächst zuspitzen bis sie
unerträglich werden (Leidensdruck der Neurose), dann kommt unverhofft
eine neue Möglichkeit- ein Lösungsweg, der direkt oder indirekt in der
Geschichte ausgedrückt wird und einen Weg aus der Neurose aufzeigt. Das
Problem ist: die Geschichte muss so gut sitzen, dass sie im anderen das
Gewünschte auslöst und der Therapeut erhält eine dominant-belehrende
Rolle.
Lösungsgeschichten für Probleme selbst entwickeln
Einleitung
Moderne Therapie will die Selbständigkeit und das Selbstvertrauen des
Patienten fördern - wie könnte das besser gelingen als den Patienten die
Ressourcen und Lösungsgeschichten selbst entwickeln zu lassen statt es
ihm von außen aus der „Allmacht des Therapeuten“ anzubieten.
Trance-Induktion und Trancevertiefung
Dazu werden die natürlichen Fähigkeiten eines jeden Menschen genutzt,
in „Trance“ zugehen. Voraussetzung ist immer, wie in anderen
Psychotherapieverfahren auch, ein vertrauensvoller positiv-menschlicher
Basis-Kontakt ohne den sich der sogenannte „Rapport“ für die Hypnose
nicht herstellen läßt.
Wir leiten den Betreffenden durch sogenannte Induktionsmethoden an,
seine angeborene Fähigkeiten zu aktivieren, in Trance zu gehen (z.B.
Fixation auf einen Punkt bis die Augen zufallen, Konzentration auf
Wahrnehmung von Körperteilen und Sinnesempfindungen oder auf das Denken:
z.B. „Rechenaufgaben lösen“, Vorstellen eines Weges, den wir den
Patienten entlangführen und auf dem wir die verschiedensten
Sinnesmodalitäten beschreiben etc.). Es kommt zu einer
Aufmerksamkeitskonzentration auf innerseelische Prozesse. Die entstehenden
imaginierten Bilder entwickeln allmählich ein Eigenleben und halten die
Aufmerksamkeit innen.
Bilder natürlicher Harmonie in der Natur, vertraute Wege und innere
Orte der Geborgenheit, die der Patient lernt mithilfe seines Unbewußten
aufzubauen, entängstigen und vermitteln Sicherheit. Sie schaffen die
Basis für die Begegnung des Patienten mit seinen inneren
Symbollandschaften wie wir sie auch aus Träumen kennen.
Orte dieser Sicherheit und Geborgenheit können z.B. ein Zimmer, eine
Höhle, in Turm, eine Strandlandschaft am Meer, ein Ort mit schönen Blick
am See und vieles mehr sein, die im Patienten individuell auftauchen und
von ihm mit allen Sinnesmodalitäten (sehen, hören, fühlen, schmecken,
riechen, Lebensgefühl etc.) ausgestaltet und erlebt werden. Je intensiver
und je mehr Submodalitäten (z.B. hell- oder dunkelgrün), desto stärker
die Trance.
Begegnung mit dem Unbewußten im Zauberland
Während nun ein Teil des Patienten an diesem Ort bleibt, betritt ein
anderer Teil die Zauberlandschaft. Diese „Dissoziation“ ist eine
erneute Trancevertiefung. Wir leiten den Probanden an, bestimmten eigenen
Aspekten zu begegnen, die sich symbolisieren sollen wie die innere
Weisheit, ein Freund und Helfer (er/sie oder es), ein wehrhaftes Tier und
andere Teile, schließlich auch der Problem- bzw. der Lösungsteil. Je
mehr Teile, desto stärker die Dissoziation und desto stärker die Trance.
Formen und Gestalten sowie Inhalte werden aus dem Unbewußten des
Patienten generiert. Wir leiten ihn zu einem sinnvollen und konstruktiven
Umgang an, führen Regeln ein, damit es nicht zu Selbstverletzungen kommt
(z.B. die Symbolgestalten nicht angreifen, sondern freundlich nach ihrer
Botschaft fragen, sich nach einem Kontakt bedanken und verabschieden, um
wieder zu assoziieren u.ä.), zeigen Möglichkeiten, einen festgefahrenen
Prozeß wieder in Fluß zu bringen (sog. Widerstandsbearbeitung) oder mit
verwirrenden und bedrohlichen inneren Szenen und Gestalten umzugehen.
Letztere weisen nicht selten hin auf traumatische Erlebnisse, die
zunächst mit einem in der Methode erfahrenen Therapeuten bearbeitet
werden sollten. Psychosen und Demenzen stellen Kontraindikationen dar.
Im Laufe der Zeit kann der Patient autonom mit seinem Inneren arbeiten
und seine Probleme im Prinzip selbst lösen.
Problem- und Symptomlösung mit dem Unbewußten
In der Tat zeigt sich, dass diese Geschichten beeindruckend oft
originell gestaltet sind und das Innere des Patienten sehr wohl über das
notwendige Lösungspotential verfügt. Niemand kennt ihn und die
Komplexität seiner Bezüge besser als er selbst - der Vorteil ist auch,
dass wichtige Beziehungen und Werte des Patienten geschützt werden so es
für ihn richtig und notwendig ist. Die Fremdbeeinflussung wird auf eine
Minimum reduziert und das Vertrauen des Patienten in sich selbst gestärkt
- wer kann sich da noch minderwertig und unfähig fühlen, wenn er sein
inneres Potential entdeckt hat. Zwei Fliegen werden mit einer Klappe
geschlagen: Lösungen werden generiert und Selbstvertrauen und
Wertschätzung des Patienten für sich selbst werden aufgebaut. Wenn man
weiß, dass eine wesentliche Neuroseursache im Bereich
Autonomie-Abhängigkeit auf dem Hintergrund von mangelnder Selbstannahme
oder Ablösung liegt, wird sehr schnell deutlich, dass allein durch die
reine technische Durchführung der Methode bereits an der Wurzel der
Neurose angesetzt wird.
Die Vertrauensfrage ins Unbewußte und die Rolle des Therapeuten
Ist nun das Vertrauen in das Unbewusste des Patienten gerechtfertigt?
Wir sprechen hier sicher nicht von einem „blinden Vertrauen“ und es
ist sinnvoll, dass Bewusstsein und Ich die inneren Antworten überprüfen
und einordnen. Manche Antworten sind metaphorisch und müssen in die
Lebenswirklichkeit übersetzt werden. Manchmal gibt es Konflikte und
Traumen im Unbewussten, die gelöst werden müssen, damit der Patient
nicht auf für ihn hinderliche oder zerstörerische Abwege gerät. Deshalb
kommt der Arbeit mit dem Therapeuten eine wichtige Vorbereitungs- und
Filterfunktion zu. Ist diese Basis dann bereitet, kann der Patient in
Eigenregie seine Probleme mit dem Unbewussten angehen und lösen. Das
Unbewusste verhält sich dabei dem Wohle unserer biologischen und
kulturellen Natur gemäß - berücksichtigt die inneren Werte und die
sozialen Bezüge - schafft „sozialverträgliche Lösungen soweit
möglich. Dadurch wurde im übrigen auch deutlich, wie stark wir durch
familiäre Bezüge und „clanartige Strukturen“ geprägt sind und es
innerlich Spuren hinterlässt, wenn ein anderes wichtiges Familienmitglied
Belastungen mit sich herumschleppt – eine Bestätigung der systemischen
Ansätze in der Familientherapie. Hier sind insbesondere die Ansätze mit
gemeint, die sich mit generationenübergreifenden Prozessen beschäftigen
wie Traumata aus der Großeltern- oder Urgroßelterngeneration, die sich
auf deren Enkel bzw. Urenkel auswirken. Der französische Psychoanalytiker
Robert Neuburger hat dies beeindruckend klar in seinem aktuellen Werk
dargestellt (10)
Kulturelle Aspekte
Es zeigt sich, dass gerade in unserer Kultur durch eine eher körper-
und sinnenfeindliche Geschichte das Vertrauen in Körperreaktionen und
innere Vorgänge gering und immer wieder von Misstrauen durchsetzt ist,
was sich auch der Therapiemethode gegenüber als Widerstand zeigt. Wir
wollen viel eher das glauben was uns von außen durch die Eltern, die
Schule, die Lehrer, die Religionen, die Gesellschaft und die Medien
erzählt wird - nur was wir außen sehen, erscheint uns real. Die modernen
Neurowissenschaften erzählen uns jedoch, dass jegliche Realität,
insbesondere auch die äußere, eine Vorstellung ist, die in unserem Hirn
nach komplexen Verarbeitungsprozessen und nach dem was wir glauben wollen
erzeugt wird.
Bewußte und unbewußte Informationsverarbeitung im Hirn
Das menschliche Bewusstsein ist brüchig: wir können inclusive
Kurzzeitgedächtnis nur maximal um dei 70 bit/sec an Sinneswahrnehmungen
bewußt verarbeiten. Schätzungsweise erreichen uns aber 1 Million bit/sec
von unseren Sinnesrezeptoren, 9 Millionen bit/sec aus dem Körperinneren.
Das Hirn besteht aus mindestens 10-20 Milliarden Neuronen: wenn nur jedes
Neuron eine einzige Verbindung zu einem anderen Neuron hätte, wären dies
schon 10-20 Milliarden (!) bit möglicher Informationskapazität von dem
wir bewußt kaum Kenntnis bekommen. Das Hirn funktioniert wie ein großer
Rechner, der riesige Datenmengen ständig „unbewußt“ verarbeitet und
auf das vergleichsweise sehr schmale Band unseres Bewußtseins
herunterschneidet, um uns möglichst nur das zuzuspielen, was unser
aktives Entscheiden und Handeln benötigt (12,16)
Ständig schwanken wir in unserer Aufmerksamkeit und durchleben ganz
natürlich ständig wechselnde Bewusstseinsstufen und Trancetiefen -
selbst im normalen Alltag z.B. wenn wir etwas tun und uns nachher gar
nicht mehr an Details erinnern, da wir „mit den Gedanken woanders“-
also in inneren Gedanken und Erinnerungen, Bildern waren. Unsere
Aufmerksamkeit nach außen ist dann eingeengt und wir wenden uns nach
innen, bleiben dort für einige Zeit. So ist auch Hypnose definiert:
Fokussieren der Aufmerksamkeit außen z.B. durch eine Fixation und
Konzentration auf innere Wahrnehmungen und Prozesse, die über eine
gewisse Zeit aufrechterhalten wird. Wenn so entstandene innere Bilder dann
eigenständig reagieren, haben wir das Phänomen, das die imaginative
selbstorganisatorische Hypnotherapie nutzt. Es kommt zur Projektion
innerer Zustände in metaphorisch-märchenhaftes Symbolgeschehen.
Vorteile des methodischen Vorgehens
Durch die Symbolisierung bekommen wir einen emotionalen Abstand zum
Geschehen, können besser in den Situationen interagieren als in einer
realen Geschichte. Wir können uns den Herausforderungen eher stellen.
Nichtsdestotrotz haben die Lösungen erstaunliche Auswirkungen auf das
reale Leben der Patienten: die symbolisch integrierte Aggression steht nun
auch im normalen Leben zur Verfügung und die Hilflosigkeit im Trauma
konnte durch die symbolisierte Bestrafung des Täters bewältigt werden.
Hier greift was oben erläutert wurde: sowohl die innere als auch die
äußere Realität ist eine Vorstellung und kann deshalb umkonstruiert
werden – sowohl außen als auch innen. Wie unsere Wahrnehmung sind
unsere Erinnerungen im wesentlichen konstruiert – es gehen ständig
Erinnerungen verloren, werden umgebaut, auch durch Phantasien ersetzt.
Verknüpfungen ändern sich aufgrund aktueller Erfahrungen oder neuer
Interpretationen.
Die imaginative selbstorganisatorische Hypnotheapie hilft dem Menschen
in einem kreativen Prozess aus sich selbst heraus, seine Natur fördernde
hilfreiche Konstruktionen innerlich zu etablieren und als Ressourcen für
die Lebensbewältigung verfügbar zu machen. Der Patient kann optimal an
seinen Bedürfnissen bleiben und bekommt nicht „vom Therapeuten etwas
aufgeschwätzt“, der „es besser weiß“ (auch wenn es von außen noch
so sinnvoll erscheinen mag, es ist immer ein Fremdeingriff!), sondern der
Betroffene kann es selbst für sich am besten und macht die
diesbezügliche Erfahrung.
Selbstannahme und Ablösung von Fremdbestimmung
Hier liegt die revolutionäre und der Aufklärung verbundene
Philosophie: der größte und mächtigste Schatz des Menschen liegt in
seinem Inneren und kann dann geborgen werden, wenn dieser reif genug ist,
diesen inneren Weg zu beschreiten. Was dann Ablösung heißt von
Fremdbestimmung – bei sich selbst, innerhalb von Familie und
Gesellschaft und im Kern die Selbstannahme bedeutet. Ein Prozess, der von
Sigmund Freud ins Rollen gebracht wurde und uns bis heute beschäftigt,
vor dessen Konsequenzen wir auch immer wieder zurückschrecken.
Die imaginative selbstorganisatorische Hypnotherapie bietet in ihren
Symbolisierungen z.B. in ein zauberhaftes Land oder in eine phantastische
Situation eine metaphorische Plattform auf der das Ich seinem Unbewussten
begegnet, um zu erfahren wie es bestimmte Symptome loswerden kann. Die
psychischen und psychosomatischen Symptome kommen aus dem Unbewussten und
weisen auf persönliche, aber auch familiäre und beziehungsbedingte
Störungen der Selbstentwicklung hin.
2. Fallbeispiel
Beispiel: Eine Frau im mittleren Alter, selbst Psychotherapeutin, wird
von einem zunehmend schwereren rechtsseitigen(!) HWS-Syndrom heimgesucht
mit starken anfallsartigen Kopfschmerzen und schließlich auch
Migräne-Attacken mit visueller Aura, starker Übelkeit, Erbrechen.
Bewusst – obgleich sehr selbst- undhypnotherapieerfahren - findet sie
psychisch keine greifbare Erklärung (vielleicht Überlastung?), versucht
das Problem mit Physiotherapie und Bewegungstraining in den Griff zu
bekommen, was etwas, aber nicht durchgreifend hilft.
Das Unbewusste bekundet klar nach ideomotorischer Befragung in
mittlerer Trancetiefe eine überwiegend psychische Ursache und weist auf
den vor Jahren verstorbenen Vater hin. In der Tat stehen rechtsseitige
Symptome häufig mit dem Vater und linksseitige mit der Mutter in
Verbindung. In der Bearbeitung taucht ein schwer traumatisierter Vater
auf: Die Mutter starb bei seiner Geburt, er sei sofort ins Heim gekommen,
wo er mehrere Jahre verbrachte über die er sich nie äußerte, dann
Aufwachsen bei einer Stiefmutter, die er nur als „Hexe“ bezeichnete -
sonst Schweigen. Der Vater des Vaters sei –obgleich hochintelligent-
sehr autoritär und unnahbar gewesen, kriegsverwundet, unberechenbar und
leicht kränkbar, habe die Stiefmutter wie ein Dienstmädchen behandelt.
Der älteste Bruder habe noch im Nebensatz auf der Beerdigung des Vaters
der Patientin gesagt: „sein Geburtstag war der Todestag meiner Mutter“.
Die Patientin hatte das Gefühl, je mehr sie anderen in ihrer Arbeit
helfe, desto fordernder werde der innere Vater, sich nun endlich um ihn zu
kümmern. Ihr wurde klar, dass auch ihre Berufswahl letztendlich davon
motiviert war, dem Vater in seiner psychischen Not zu helfen. In der
inneren Arbeit auf der Zauberwiese wurde der Vater zum schreienden
Säugling und im Lösungsbild kam die verstorbene Mutter zusammen mit dem
Vater, um sich um den Säugling zu kümmern. Die Mutter war sehr betroffen
und traurig – es tat ihr so leid wie sie das Kind habe zurücklassen
müssen. Die Patientin wurde auch sehr traurig. Ihr wurde klar, dass sie
ihrem Vater nicht helfen kann und konnte - dies hätte die Mutter oder
eine entsprechende Bezugsperson tun müssen. Sie teilte dies dem inneren
Vater mit und bat ihn, sie loszulassen, der nun dazu bereit war, da in der
Vorstellung seine eigene Mutter gekommen war und sich um ihn kümmerte -
ihn sozusagen erlöste („Heilung des inneren Vater-Kindes“). Die
rechtsseitigen Muskelspannungen an der HWS lösten sich nun fast
schlagartig. Dies musste noch 1-2 mal so durchgearbeitet werden. Die
Anfallsfrequenz hat sich reduziert ca. 1 Jahr später von 1-2x/Woche auf
1x alle 2-3 Monate. (Anm.: die neurologische Migräne hat einen
körperlich-genetisch bedingten Anteil, weshalb wir die Krankheit i.d.R.
nicht vollständig psychotherapeutisch heilen können- es sei denn es
handelt sich ursächlich um reinen Spannungskopfschmerz, wogegen im
geschilderten Fall die Aura spricht. Aber die Häufigkeit läßt sich
deutlich beeinflussen!)
Erleben oder kognitive Einsicht?
Seit Monaten ist die Patientin nun anfallsfrei, während sie zuvor 1-2
mal pro Woche von schweren Attacken gequält wurde. Hier konnte die
Lösung über eine innere Familienaufstellung erfolgen, die gegenüber
außen inszenierten, den Vorteil hat, dass nicht andere Personen mit den
ihnen eigenen Vorstellungen das Bild verfälschen oder ein Therapeut
autoritär-wertende Vorgaben macht. Stattdessen kann die Betroffene aus
sich selbst heraus die Personen handeln und fühlen lassen und ist damit
viel stärker am eigenen inneren Prozess. Wie wenig uns die inneren
Verknüpfungen oft zugänglich sind, zeigt das Beispiel der
Psychotherapeutin, die sich beruflich in ihrer Arbeit ständig damit
befasst - der zwar das Wissen kognitiv zugänglich war, nicht aber die
innerlich emotionalen Verknüpfungen - die präsentierte ihr erst das
Unbewusste in ihrer ganzen symptomrelevanten Brisanz auf der inneren
Erlebnis- und Bilderebene. Hier wird auch klar, warum kognitive Einsichten
allein nicht ausreichen und warum sich rein an bewussten Prozessen
orientierte Therapieverfahren mit Umsetzungen und Lösungen häufig so
schwer tun.
Der Wirkungsgrad der selbstorganisatorischen Hypnotherapie
Es gibt Studien über die Wirksamkeit von Hypnose: der wissenschaftlich
nachgewiesene durchschnittliche Wirkungsgrad ist 62 - 75 % (Grawe 1994 et
al., Revensdorf und Prutlo 1994, Bongartz 1999, Revensdorf 2001). Diese
Zahlen wurden mit klassischer Hypnose und mit Hypnose nach Milton Erikson
erreicht. (1,8,15)
Die imaginative selbstorganisatorische Hypnotherapie ist eine
diesbezügliche Fortentwicklung und es ist zu erwarten, dass die
Erfolgszahlen höher liegen. Aus Praxis-Erfahrungen gehen wir von einer
Viertel-Regel aus bei nicht vorausgewählten Fällen: 1/4 gehen sehr
schnell und entlastet in die Lösung, meist nach wenigen Sitzungen, 2/4
(54%) haben mehr oder weniger Widerstände, die in unterschiedlicher Dauer
bearbeitet werden müssen und gehen dann in die vollständige (ca. 50% von
den 54%) oder in eine Teil-Lösung (ca. 50% von den 54%) und 1/4 gehen nie
in die Lösung. Entscheidend wichtig für den Erfolg sind Motivation und
Kooperation des Patienten sowie sein unbedingter Wille gesund zu werden
und auch mögliche notwendige Lebensveränderungen zu akzeptieren und
umzusetzen. Unsere eigenen Erfahrungen seit Jahren mit der Methode
ergaben, daß die Patienten, die sich zur entsprechenden Therapie
entschließen und sie durchhalten nahezu alle deutliche Symptomlösungen
und Zustandsbesserungen bis zu vollständige Heilungen erreichen- und dies
insbesondere bei sonst schwer angehbaren chronischen Schmerz- und
sonstigen psychosomatischen Störungen, schweren- auch komplexen
Traumatisierungen. (s.auch 13,14,19- Berichte imaginativ arbeitender
Tiefenpsychologen und Psychoanalytiker)
Die Abbruchquote ist nach unserer Einschätzung geringer als bei den
herkömmlichen Verfahren, da die Patienten durch den Trance-Effekt am Ende
der Sitzungen trotz möglicher schwieriger Problembearbeitungen sich
entspannt wohlfühlen und anfängliche Symptome nicht selten verschwunden
sind- die positive Stimulation des Immunsystems mit Verbesserung der
Infektabwehr ist wissenschaftlich nachgewiesen (1).
Der Grund für nicht erfolgreiche Behandlungen ist auch, das eine
potentiell lösende erfolgreiche Therapie eine Entscheidung möglich
macht. Patienten können sich auch für ihre Neurose entscheiden, bzw.
dafür, die Symptome wegen der systemischen Verwicklungen zu erhalten, um
z.B. ein anderes Familienmitglied zu schützen, das sonst vielleicht sich
umbringen oder schwer erkranken würde. Andere Patienten wiederum haben
Vorteile durch ihre Symptome, die subjektiv stärker gewichtet sind als
die Vorteile einer eventuellen Heilung, z.B. die Möglichkeit zur
Frühberentung oder das stärkere Kümmern des Partners um sie. Hier
sprechen wir von einem sekundären Krankheitsgewinn - auch diese Patienten
gehen nicht oder nur teilweise in die Lösung.
Die selbstorgansiatorische Hypnotherapie bringt diese Dinge nach meiner
Einschätzung klar, präzise und schnell auf den Tisch und man weiß auch
ggf. recht bald, warum eine Therapie nicht weiter geht oder scheitern
muss. Da die Therapie lösungsorientiert ist, wird der Lösungsprozess
sofort nach der Problemformulierung gestartet.
Die Arbeit mit dem Unbewussten ermöglicht noch dazu
"ökosystemische" Lösungen, die den Patienten, die Angehörigen
und das Umfeld soweit wie möglich schützt - emotionales Leid wird durch
die Verfahrenstechnik (Symbolisierung, Dissoziation, Probehandeln auf der
Zauberwiese) gering gehalten bzw. der Betroffene kommt relativ schnell
durch diese innere Talfahrt hindurch - danach greifen die bereits in Gang
gebrachten konstruktiv-positiven Veränderungen sofort.
Hinweise und Danksagung
Imaginative selbstorganisatorische Hypnotherapie hat sich aus den
praktischen Arbeitserfahrungen in der Anwendung entwickelt mit Einflüssen
aus allen wesentlichen Psychotherapie-Richtungen, deren Grundlagen-Werke
wir hier im einzelnen nicht aufführen wollen:
Psychoanalyse/Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie, Systemische
Familientherapie, Gestalttherapie, Psychodrama, Transaktionsanalyse, NLP,
Autogenes Training u.a.).
Wesentlich sind Einflüsse aus den hypnotherapeutischen Methoden
(1,7,8,15,17,20) insbesondere nach M.Erickson (2,3,4), der
Tiefenpsychologie C.G. Jungs (Archetypen) (6) und dem katathymen
Bilderleben nach H. Leuner (11).
Wir wurden inspiriert in vielfältigen interessanten, anregenden und
konstruktiven hypnotherapeutischen und tiefenpsychologischen sowie
gestalt- und psychodramatischen Fortbildungsseminaren und
klinisch-kollegialen Arbeitserfahrungen, um schließlich in der
Praxisarbeit zu unserer eigenen Methodik und Stilausprägung zu finden.
Wir möchten uns in Bezug auf die Hypnotherapie nochmals sehr herzlich
bedanken bei Frau Dr. Hedwig Sombroek, Herrn Prof.Dr.Dr. Siegfried Mrochen
(5), Herrn Bruno Hambüchen, Herrn Klaus Kosubek, Herrn Dr. Klaus Ahlstich
u.a.
Literaturliste (Grundlagen- und weiterführende Literatur)
Bongartz/Bongartz: Hypnosetherapie, Hogrefe-Verlag 2000 (1)
Erickson/Rossi: Hypnotherapie, Pfeiffer bei Klett-Cotta 2004 (2)
Haley: Die Psychotherapie Milton H. Ericksons, Klett-Cotta 2006 (3)
Hypnose – Zeitschrift für Hypnose und Hypnotherapie,
MEG-Stiftung, München (4)
Holtz/Mrochen: Einführung in die Hypnotherapie mit Kindern und
Jugendlichen, Carl-Auer-Verlag 2005 (5)
Jung, C.G.: Archetyp und Unbewußtes, Bechtermünz-Verlag 2000 (6)
Kaiser Rekkas: Klinische Hypnose und Hypnotherapie, Carl Auer-Verlag
2005 (7)
Kossak: Hypnose, Beltz-Verlag 2004 (8)
Lankton/Lankton: Geschichten mit Zauberkraft - die Arbeit mit
Metaphern in der Psychotherapie, Pfeiffer bei Klett-Cotta 1991 (9)
Neuburger, Robert: Das Familientrauma- Wege zurück ins Leben,
Patmos-Verlag, Februar 2007 (10)
Leuner, Hanscarl: Lehrbuch der katathym-imaginativen Psychotherapie,
Verlag Hans Huber 1994 (11)
Noerretranders: Spüre die Welt – die Wissenschaft des
Bewußtseins, Rowohlt-Verlag 1997 (12)
Peichl: Die inneren Trauma-Landschaften, Schattauer-Verlag 2007 (13)
Reddemann: Imagination als heilsame Kraft, Pfeiffer bei Klett-Cotta,
2005 (14)
Revensdorf/Peter: Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und
Medizin, Springer-Verlag 2004 (15)
Schmidt/Thews (Hrsg.): Physiologie des Menschen, 25.Aufl.,
Springer-Verlag (16)
Schulz-Stübner: Medizinische Hypnose, Schattauer-Verlag 2007 (17)
Schütz/Freigang: Metaphern, Stellvertreter-Geschichten und
hypnotische Texte für den Einsatz in der Zahnmedizin, Hypnos-Verlag 2002
(18)
Steiner/Krippner: Psychotraumatherapie -
Tiefenpsychologisch-imaginative Behandlung von taumatisierten Patienten;
Schattauer-Verlag 2006 (19)
Stephan: Hypnosetherapie in der Praxis, Deutscher Ärzte-Verlag 2003
(20)
Kontakt und weitere Informationen:
Marion Henze
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatische Medizin
und Psychotherapie
Hypnotherapeutin
Dr. Gerhard Fischer
Facharzt für Psychiatrie, Dipl. Psychologe, Hypnotherapeut
Peterstorstraße 7-9, 56410 Montabaur, Tel.: 02602/120371, Fax:
02602/120375
Mail: praxis@psychotherapie-henze.de,
http://www.psychotherapie-henze.de
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